Montag, 29. September 2014


2014: Das Jahr, in dem ich die 52 wieder schaffte



So. Wir dürfen den alten Schlager der englischen Beatkapelle The Kinks anstimmen. "Victoooria!" nämlich hallte es am Sonntag lange über endlose Radwege im wilden und - wie die Boulevardzeitung dieser Stadt schreibt - "unhippen" Stadtgebiet Hamburgs. Das Wetter war friedlich, so geschah es ungeplant, daß ich plötzlich kein Ende mehr fand und meinen persönlichen Mont Ventoux in Angriff nahm. 2012 legte mir diese Strecke so eine hübsche, kleine Leistungszielmarke vor. Eine Marke, die mir ehrlich gesagt, in den letzten beiden Jahren außer Reichweite gerückt schien. Aber, wie lautet die so charmante wie überhebliche unwiderstehliche Predigt: Wer will, der kann auch. Eben, Arschloch, Schatzis. Genau so.

Vorbei also voll auf Lunge pfeifend (aber allegretto) an tiefenentspannten Ziegen, überholt von ein paar Pedelec-Provokateuren (sozusagen das Photoshop des Radfahrens, ein einziges empörendes Fälschungswesen) bis hin zum bekannten Fährhaus, wo lederbezogene Biker ihre Maschinen wie chromblitzende Dominosteine eng an eng stellen. Raum und Zeit für eine kurze Gedenkvesper am Deich, Flußbeschau und Menschenbetrachtung. Dann zurück in die langsam herabsinkende Sonne, an auf Weiden niedergesunkenen Kuhherden vorbei und durch tiefergelegte Mückenschwärme, die sich unter den Bäumen am Radweg sammeln. Mein Hemd sieht aus bald wie ein Insektenrechen, alles voller Straßenverkehrspunkte. Meine Brille aber auch, den Mund halte ich ausnahmsweise geschlossen. Wie ein Walfisch Plankton schlürfend könnte ich mich nahrungsammelnd durch die milde Herbstluft schieben, nicht ganz so pfeilschnell mehr wie zu Beginn, aber mit munterem Tritt.

52 Km also. Auch wenn ich mehr Zeit dazu brauchte als vor zwei Jahren. (Deshalb ist mir unterwegs auch dieser Bart gewachsen, ich muß mich entschuldigen.) Aber umgerechnet auf ein schwerstählernes Hollandrad mit Gepäck und Fahrer sind das sogar viel mehr als auf einem Ultraleichtgeschoß. Sehr viel mehr. Mit der einfachen Formel Pi * Drehmoment geteilt durch Reifengröße multipliziert mit der Wurzel aus Packgewicht plus Windwiderstand (Punkt vor Strich und Klammer zuerst) kommt man da auf ganz andere Werte. Wenn man es denn erstmal in Ruhe durchgerechnet hat. Ich aber pfoff lieber ein Abendlied (nun aber adagio) und malte mir überbordende neue Ziele aus. Niemals klein denken! Das nächste Mal nehme ich ein fesches Görl auf dem Gepäckträger mit. Einfach so! Läßt sich sicher leicht in die Formel mit einbeziehen.

>>> Geräusch des Tages: The Fall, Victoria


 


Samstag, 27. September 2014


Glades



Da war ich übrigens auch. Zum Eröffnungswochende am ersten Septemberwochenende nach der Sommerpause war dies natürlich der Höhepunkt. Die erste Einzelausstellung von Lokalmatador Heiko Müller bei Feinkunst Krüger setzte gleich mal ein Ausrufezeichen für die neue Galeriesaison. Nach Beteiligungen an zahlreichen Gruppenausstellungen nun also solo.

Der Mann war fleißig gewesen und zeigte gleich eine ganze Reihe großartiger neuer Sachen: Bilder von aufgeschreckten Tieren, abgekämpften Kämpfern und irritierenden Widersprüchen in scheinbar idyllischer Natur. Eine souveräne Schau ohne übertriebenen Klimbim, sondern Auge in Auge mit sanfter Verstörung und bezaubernden Wandlungen. Auch toll: Mit der neuen Brille konnte ich noch die verstecktesten Geheimnisse und prominentesten Gäste entdecken.

(Heiko Müller: Glades. Feinkunst Krüger. 6.-27.9.2014.)

>>> Bilder der Eröffnung
>>> Bilder zum Nachschauen

Flanieren | von kid37 um 23:59h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 21. September 2014


Ich kann klar sehen, jetzt wo der Regen vorüber ist

Da mußte ich doch tatsächlich für gut zwei Wochen die Türe zum Internetbetriebsraum (s. Symbolbild) hinter mir schließen und alles mal sich selbst überlassen. Mit der frisch erworbenen Brille sah ja auf einmal alles so klar und deutlich aus. Scharf. Also schaute ich mir schnell alle Filme der letzten verschwommenen Jahre noch einmal neu an, lernte meine Grünpflanzen von einander unterscheiden, las laut glucksend die Hinweise auf den elektronischen Anzeigetafeln im öffentlichen Nahverkehr und fand die Welt neu und wie frisch gezeichnet vor. Dann klingelte ich nacheinander an den Türen meiner Exfreundinnen und stellte fest, die sind tatsächlich so hübsch, wie ich immer vermutete, kaufte dann, es geht ja kein Ding über die grüne Erde ohne Folgekosten, neue Sachen ein, die ich um meine neue Brille zu drapieren gedenke bis hinunter zu den Schuhen.

Erstmals drängten sich auch Zustände an mein nun scharfzeichnendes Auge. Das Elend der Welt, namentlich meine Fußböden. Da möchte man ja nun auch niemanden drüberkriechen sehen, nicht einmal zum Spaße. Zum Glück erlaubte es mir meine Brille, mich bis in den Westflügel meines Etablissements durchzuschlagen, wo weiland Blaubarts achte Kammer sich befand, nun aber bloß ein Abstellraum mit Kehrgerät. Alles blitzblank nun oder wie die jungen Leute sagen: tippitoppi.

Und gegen Tetanus wurde ich geimpft. War dann wohl auch nötig. Immer weitermachen.


 


Freitag, 19. September 2014


Vielleicht mal alles neu denken

Kurze Pause. Warum eigentlich. In meinem Ranzen befindet sich doch bestimmt ein Liebesbrief mit Elfenohren. Oh. Tatsächlich. Ein Liebesbrief mit Elfenohren. Und eine Packung TicTac. Kurze Pause also, geht gleich weiter. System wird gerade rebootet. Stellt euch die Welt derweil einfach mal ganz anders vor.

| von kid37 um 00:17h | 16 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 7. September 2014


Durch Laub rumpeln



Das Wetter heute war wirklich ausgezeichnet. Knapp vor "motschig", wie man früher bei uns gesagt hätte. Also ein bißchen feucht, aber weiß Gott nicht zu warm, mit einem schön bedeckten Himmel zudem, was ja Radfahrern und Fotografen zugleich entgegenkommt.

Der Hamburger Stadtkönig möchte ja die Gegend hier aufwerten wie es heißt, also an Investoren offerieren, die Olymiaauffangbecken und ordentlich bepreisten Wohnraum für die jetzt schon neugierig durchs Viertel cruisende SUV-Fraktion aus dem Boden betonieren. Jetzt mal neutral gesprochen, nicht daß hier Untertöne vermutet werden, wie es ab und an den Texten, die hier sprechen, vorgehalten wird.

Ich aber war nicht auf der Suche nach Betongoldabladeflächen, sondern nach Möglichkeiten für einen kleinen Retreat, der mir und meinem Seelenhaushalt sehr schmeicheln würde. Mangels finanzieller Sprungkraft reicht es bekanntlich nicht ganz zu einem Ferienhaus an der Riviera, auch wenn die Gegend um Bandol oder Sanary-sur-Mer ganz angenehm, wenngleich recht fern ist. Auch die Ostsee hat so ihre Tücken, weshalb ich zwischendurch immer mal wieder unerschrocken und alternativ nach einem erweiterten Balkon, also Kleingarten, in der Nachbarschaft schaue.

Fast hätte ich ja mal einen gekauft, standen dort doch schon schlüsselfertig eine in munteren skandinavischen Farben gestrichene Laube, drei verkommene Obstbäume und eine Fläche für die noch anzuschaffen gewesene Liege aus nachhaltig produziertem Teakholz parat. Langes Zögern und Zaudern aber ließ Gartenkonkurrenten mir zuvor kommen. Eine türkische Familie nämlich, die als Demonstration gelungener Integration als allererste Maßnahme Thuja-Gestrüpp zum Sichtschutz quer über das lauschig geschnittene Stück Toskana pflanzte und als nächstes die hübsche Skandinavienlaube in düsteres Eiche-Altdeutsch umbeizte. Eine bedenklich stimmender Kulturtransfer.

Nun bewirtschaftet man solch einen Garten ja auch nur schwerlich allein, da gehören falsche Vorstellungen gleich mal auf den Kompost. Ein Partner mit weiteren fleißigen Händen wäre hilfreich, denn es gilt, einen Spaten zu führen oder Rasenflächen nach Fifa-Regeln zu trimmen. Da wäre es zum Beispiel gut, wenn ich diese Arbeiten von meiner aus nachhaltig produziertem Teakholz gezimmerten Gartenliege beaufsichtigen und mit hilfreichen Gesten eines Zeigestocks auf übersehene Ecken oder asymmetrisch geführte Schnittkanten hinweisen könnte. Zu Zweit geht alles schneller und wenn man mir im Anschluss zum Dank für meine Hilfe ein fein abgestimmtes Sonnenuntergangsgetränk mit einem lustigen Papierschirmchen drin an meine aus nachhaltig produziertem Teakholz gewirkten Liege reichen würde, sagte ich nicht Nein, sondern munter: "Haben wir's nicht schön?"

So weit der Plan in groben Zügen. Derweil schaue ich also regelmäßig auf struppige Brachen, plane Standorte für Grill und Kofferradio, Sonnenschirme und Bikinizonen. Spanne im Geiste Federballnetze, plaziere Tore fürs Rasencroquet und reserviere Flächen fürs Tomaten- und Orchideenhaus und eine Ecke für die Honigbienen. Der innere Spaten steht sozusagen bereit. Jetzt aber erstmal Abendbrot.


 


Freitag, 29. August 2014


Einsicht, Aussicht, Durchsicht

Wenn ich morgens geweckt werde, finde ich mich ja wie in diesem Video von Ane Brun wie ein verwirrter alter Mann leicht verwirrt in der Welt wieder, kaum den eigenen Augen oder ihrer kleinbuchstabenverpixelten Sehkraft trauend.



Mein Weg heute führte mich daher für die weitere eigene Frank-Walter-Steinmeierisierung endlich zum Optiker meines Vertrauens, denn nach 15 Jahren Kid37-Brille (so stellten wir mit einem Blick auf die wohl letzte handbeschriebene Kundenkarteikarte im Wirtschaftswesen fest) ist es an der Zeit, neue Zeichen ins Gesicht zu setzen. Ich probierte also einige Ausrufezeichen und auch einige Fragezeichen aus, liebäugelte kurz, nur des Experiments halber, sogar mit einem Semikolon; das sieht bei mir merkwürdig aus. Da der Designer meiner alten Brille, ein Franzose mit vielen "i", nach Italien transferiert wurde, griff ich schließlich zum Weltmeistermodell aus hiesiger Produktion (oder jedenfalls Gestaltung) und erwarte, daß sie mich nun bis ins Finale trägt.

Oder ich sie. So rum ist es, glaube ich, richtig. Zurück in die heimischen Stallungen gekehrt, habe ich - nachdem ich das Kobe-Rind massiert und die Champagnerflaschen gedreht hatte - zur Pause ein wenig gedankenverloren auf der Straße an meinem Fahrrad gelehnt (Symbolfoto), als es (das Rad, nicht das Rind) mit metallischem Gelärme zu Boden kippte. Zwei freundliche Passantinnen eilten hinzu, die eine begab sich sogar daran, mein Rad wieder aufzurichten, "das schöne Rad, das schöne Rad!" rufend. So viel Hilfsbereitschaft und ästhetisches Bewußtsein liegt in diesem Viertel! Leider ist nun der Lenker etwas zerschrappt, das Rad folglich nicht mehr ganz so schön, aber dafür - wenn man scharf hinschaut, was ich demnächst wieder tun kann - unterscheidbar geworden. Nichts hält ewiglich, notierte ich gleich in meinen Bauernspruchkalender, der mir dereinst viel Geld und Anerkennung bringen wird, wenn ich beruflich durchgewalkt und ausgewrungen meinen Platz in der Geschichte suchen werde.

Man muß eben zur Einsicht kommen! Genauer hinschauen, die Brille mal besser als mit einem T-Shirt putzen. Denn die Wahrheit ist doch die: So wie haushaltsübliche Zollstöcke und Lineale im Kleinbereich bis ca. 30 Zentimeter grobe Ungenauigkeiten aufweisen und oft zuviel anzeigen, so aufgespreizt ist die Dichotomie zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung, gerade auch im Internet. Nehmen wir zum guten Schluß folgende beispielhafte Beispiele, repräsentativ zusammengetragen:

- wie ich mich sehe: *

- wie ihr mich seht: *

- wie ihr euch seht: *

- wie ich euch sehe: *

Denkt also immer daran, was in meinem Bauernspruchkalender steht: Man sieht nur mit der Brille gut.


 


Mittwoch, 27. August 2014


Merz/Bow, #48



Ich lese gerade im aktuellen Kultur & Gespenster. Die Ausgabe 14 erschien schon 2013 und dreht sich um Radio, dessen Theorie und dessen Verbindungen zu Spukereignissen ("Stimmen hören!") und Schizophrenie (der Fall "Schreber") - hochinteressant also, ein wenig obskur, gerade richtig für den anbrechenden Herbst und den langen Abenden vor dem wärmenden Röhrengerät. In der Ausgabe auch ein etwas beleidigt klingender Beitrag über das Gängeviertel und Subkultur per Akklamation, aber auch ein sehr launiger älterer Text von Frieder Butzmann über Punk und New Wave in Hamburg. Mehr hier: Kultur & Gespenster.

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Sonst alles gut, wie es modern heißt. Wie Sheldon Cooper auf Weichmacherdrogen übe ich mich ein wenig in sozialer Interaktion, komme folglich zu aushäusigem Abendessen und Unterhaltungsprogramm. Da ich gern den Unterhalter spiele, ist das immer gut. Das Essen oft auch.

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Bei unterschiedlichen Reparaturarbeiten bin ich aber auch zu Schnitten und Dellen, Abschabungen und Hämatomen und weiteren kutanen und subkutanen Verletzungen gekommen. Scully hätte ihre Freude an mir gehabt. (Man sieht, wie unrealistisch diese Serie ist. Das macht doch heute keiner mehr!)

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Nicht im Röhrengerät, aber über das Internet sind die Töne von Sima Kim auf A Closer Listen zu hören. Ambient für kommende Herbstabende, "Freudvoll und leidvoll", wie die Titel versprechen. Funktioniert auch ohne Weichmacherdrogen.

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Eine schöne Entdeckung ist die Internet-Radiostation Hilversum The Lake Radio, auf die Liisa aufmerksam gemacht hat. Meist sogenannte komplexe Musik, zwischendrin Wortbeiträge von Burroughs oder Robert Frost, sehr selten mal dann überraschend mainstreamiges Geklimper.

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Laura Flook, die durch die TV-Reihe Oddities bekannt wurde, schreibt was aus meinem Herzen über Klatsch & Tratsch im sozialen Treppenhaus. Das wird einige brennend interessieren und sollte es auch.

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Der Herbst kündigt sich an und bald werden wir uns draußen in ockerbunten Laubhaufen treffen, um Kastanien zu sammeln. Ich benötige dazu eine schöne Jacke, könnte natürlich aber auch warten, bis meine alten Mäntel von selbst so verwelken.

MerzBow | von kid37 um 20:37h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link